06.05.2026

20 Jahre Portraitfotograf – was ich in 9500 Shootings gelernt habe

Von Manuel Fischer, Freshpixel Fotostudio Zürich

Zwanzig Jahre. 9500 Menschen vor meiner Kamera. Vom schüchternen Schulabgänger mit seinem ersten Bewerbungsfoto bis zur internationalen Schauspielerin. Vom nervösen Berufseinsteiger bis zum CEO eines Schweizer Grosskonzerns. Vom Hotelpool in Zürich bis zum Hafen in Hongkong.

Wenn ich zurückschaue, war jedes einzelne Shooting ein kleines Abenteuer – und jedes hat mich etwas gelehrt. Heute teile ich die ehrlichsten Erkenntnisse aus 20 Jahren hinter der Kamera. Die Highlights, die Tiefpunkte, die teuren Lektionen – und was geblieben ist.

Die Anfänge: Ein Keller, der Greifensee und eine Welt ohne iPhone

2004, 2005. Die ersten digitalen Spiegelreflexkameras kamen auf den Markt – und für mich war das der Startschuss. Ich hatte mir schon immer gewünscht, professionell zu fotografieren. Also gönnte ich mir eine Kamera, begann mit Blumen und Landschaften. Das machte mir so viel Spass, dass ich mich bald an Portrait-Shootings wagte.

Die ersten Sessions fanden draussen statt – irgendwo an einem Treffpunkt, am Greifensee, manchmal bei jemandem zu Hause. Und manchmal – das klingt heute fast romantisch – in unserem eigenen Keller. Recht wild, die ganze Geschichte. Aber so hat es angefangen.

Was man sich heute kaum noch vorstellen kann: Die Welt war damals noch komplett anders. Kein Instagram. Facebook wurde gerade gegründet – 2006, 2007, noch recht neu. Das iPhone gab es noch nicht, das kam erst 2007. Die Schweiz war nicht digital. Aber ich war es bereits – mit meiner Kamera, mit meinen Fotos. Und niemand sonst konnte damals wirklich schöne Portraitfotos von einer Person machen wie ein professioneller Fotograf.

Das war ein Vorteil den ich voll ausgenutzt habe. Junge Frauen kamen zu mir für Modelmappe-Fotos oder einfach für schöne Bilder – zum Verschenken, Aufhängen, Ausdrucken. Zu Spitzenzeiten hatte ich drei, vier solche Shootings pro Tag, je ein bis zwei Stunden, inklusive Visagistin. Das war intensiv. Emotional intensiv. Man gibt viel von sich, motiviert Menschen, holt das Beste aus ihnen heraus. Es saugt auch etwas Energie – auch wenn es wunderschöne Arbeit ist.

2006: Der Mietvertrag, der Strand und der Meilenstein

Ich werde diesen Moment nie vergessen. Ich war in den Ferien – an einem Strand, irgendwo in der Sonne – als die Zusage für meinen ersten richtigen Mietvertrag ankam. Ein Fotostudio in Dübendorf. Professionell, mit echten Wänden, echtem Licht, echtem Raum.

Ich sass am Strand und war überglücklich.

Dieser Mietvertrag war für mich nicht einfach ein Raum. Er war ein Symbol: Jetzt bin ich wirklich Fotograf. Nicht mehr im Keller. Nicht mehr irgendwo draussen. Jetzt habe ich ein Studio.

Gleichzeitig arbeitete ich noch Teilzeit in der Informatik – mein sicheres Standbein. Das war gut so. Ich hatte ein geregeltes Einkommen auf der einen Seite und die kreative Freiheit auf der anderen. Mit der Zeit, über zwei, drei Jahre, wuchs die Fotografie organisch. Ich bin quasi hineingerutscht – nicht geplant, nicht dramatisch. Bis der Punkt kam, wo Teilzeit nicht mehr möglich war. Wo ich entscheiden musste: Jetzt oder nie.

Ich wählte die Fotografie. Fulltime selbstständig. Seither kein anderes Einkommen mehr.

shoot Edit


Hongkong 2007: Modestrecken über openBC organisiert

In den ersten Jahren hatte ich intensiven Kontakt mit anderen Fotografen. Ich hatte sogar ein Fotografen-Forum gegründet – Austausch über Bilder, Wettbewerbe, Community. Dort lernte ich Fabian kennen, einen Kollegen aus Oerlikon, gleich neben meinem Studio in Dübendorf.

Wir tranken manchmal ein Bier, assen beim Asiaten, tauschten uns aus. Und irgendwann entstand eine Idee: Was wenn wir gemeinsam etwas Grosses machen?

2007 flogen wir zu dritt – Fabian, ich und eine Visagistin – für zwei Wochen nach Hongkong. Wir fotografierten Modestrecken für chinesische und Schweizer Mode. Professionelle Models vor Ort. Locations direkt am Meer, in alten Häusern mit echtem Hongkong-Flair, am Hafen.

Das Verrückteste an dieser Geschichte: Alle Kontakte in Hongkong hatte ich über XING geknüpft – damals noch openBC. Ein absoluter Glückstreffer. Wir fanden jemanden der uns mit Models und Organisatorischem enorm half. Ohne diesen einen Kontakt wäre die ganze Reise nicht möglich gewesen.

Hongkong war gross, pulsierend, voller Energie – und trotzdem nicht hektisch. Teil dieses Lebens zu sein, diese Stadt aufzusaugen, professionelle Modestrecken zu produzieren – das war eines der grössten Highlights meiner ganzen Karriere. Gleich zu Beginn.


CHF 24’000 Lehrgeld: Die Mittelformat-Kamera

In den frühen Jahren gab es auch eine teure Lektion.

Mittelformat-Kameras waren damals der heilige Gral der Fashion-Fotografie. Hasselblad, Mamiya – die grossen Namen. Viele bekannte Fotografen schworen darauf, und viele junge Fotografen sparten sich diese Apparate zusammen. Nicht weil sie technisch unbedingt besser waren – sie hatten mehr Rauschen, waren langsamer, anfälliger, klobiger. Aber es war Prestige. Es war der Beweis: Ich bin ein echter Profi.

Ich konnte nicht widerstehen.

Ich kaufte mir eine Mamiya mit digitalem Rückteil und Objektiv. Preis: ungefähr CHF 24’000. So teuer wie ein kleines Auto.

Ich habe damit wunderschöne Shootings gemacht – darunter ein unvergessliches Editorial mit Anouk Manser im Schloss Sihlberg, für eine Unterwäsche-Fotostrecke. Komplett ohne Blitzanlage, nur mit Reflektoren. Weiches, natürliches Licht. Die Bilder waren aussergewöhnlich.

Aber im Nachhinein muss ich sagen: Es war einer der grössten Fehleinkäufe meines Lebens.

Ich habe die Kamera schliesslich verkauft – mit allen Objektiven – für CHF 6’000.

Die Lektion: Prestige ist kein Geschäftsmodell. Was zählt, ist das Bild – nicht die Kamera die es macht.

Anouk Manser Lingerie Fashion Fotostrecke Castle

Elite Model Look: Sechs Jahre Backstage bei Sat.1

Der Elite Model Look ist der grösste Schweizer Model-Contest. Und ab 2008 war ich sechs Jahre lang der offizielle Fotografen-Partner.

Wie es dazu kam? Ich habe einfach mal eine Anfrage gemacht. Ich hatte einen guten Kontakt zur Eventagentur. Und plötzlich war ich dabei.

Meine Aufgabe: Gruppenfotos und Modenschau fotografieren. Die Locations wechselten – 5-Sterne-Hotels in Zürich, immer mit tollen Kulissen. Es musste immer etwas schnell gehen, improvisiert werden. Der Ablauf war intensiv. Aber genau das machte es spannend.

Die Modenschau wurde live übertragen – Sat.1, dann ProSieben. Filmteams waren beim Shooting dabei. Meine offiziellen Bilder wurden an Medien verschickt – Print, TV, digital. Das war ein riesiger Boost für meine Sichtbarkeit. Menschen wurden auf mich aufmerksam die ich sonst nie erreicht hätte.

Backstage war ich die ganze Zeit dabei – von den Vorbereitungen bis zum letzten Applaus. Nicht nur Models: Musiker, Künstler, Artisten. Einmal traf ich so einfach die Band Sunrise Avenue hinter der Bühne. TV-Moderatorin Zoe Torinesi, damals bei Star TV, lernte ich dort kennen – wir hatten danach einen guten Kontakt und später auch ein Shooting zusammen. Gewisse Freundschaften entstanden einfach, weil man sich sah, plauderte, zusammen erlebte.

Sechs Jahre Elite Model Look haben mein Netzwerk, meinen Namen und mein Selbstverständnis als Fotograf grundlegend verändert.

Julia Saner: Bevor sie ein Star war

Elite Model Look 2009. Unter den Kandidatinnen: ein junges Mädchen namens Julia Saner.

Ich fotografierte an diesem Wochenende die Gruppenbilder – wie immer. Wir waren in einem Hotel, das Shooting fand im Pool statt. Bademode, Werbepartner, der übliche Ablauf. Ich stellte meine Kamera ein, gab Anweisungen, machte meine Bilder.

Wahrscheinlich stand Julia Saner damals zum ersten Mal in ihrem Leben vor einem professionellen Fotografen.

Was danach passierte, weiss heute jeder: Julia gewann den Schweizer Elite Model Look. Reiste nach China zum grossen Finale. Gewann auch dort. Der Startschuss einer internationalen Karriere als Top-Model.

Ich war einer der ersten Fotografen, der Julia Saner je abgelichtet hat – für ein Gruppenbild in einem Hotelpool.

Das ist einer der Momente die mich immer wieder daran erinnern: Man weiss nie, wer gerade vor der Kamera steht. Jeder Mensch trägt ein Potenzial in sich das noch nicht sichtbar ist.

shootx Edit


Monica Cruz und die Vogue: Bilder im Taxi nach New York

shotEines Tages klingelte mein Telefon. Anruf aus New York. WWD – Women’s Wear Daily, Tochtermagazin der Vogue, die grosse Modebibel der Fashionwelt. Sie suchten einen Fotografen für die Zürich Fashion Week. Auftrag: Monica Cruz fotografieren – Schwester von Penélope Cruz, internationale Schauspielerin und Designerin.

Ich sagte natürlich zu.

Zwei Tage an der Zürich Fashion Week. Presseausweis mit dem WWD-Logo – alle Türen standen offen. Backstage mit Monica Cruz, offizielle Partneraufnahmen, eine Journalistin aus New York als Begleiterin. Modenschau anschauen, Backstage-Schnappschüsse, offizielle Bilder.

Es war ein Kribbeln das ich schwer beschreiben kann. Ich war quasi im Auftrag der Vogue dort. Das war der Oberkiller – das grösste Modemagazin der Welt, gleich nach der Vogue selbst. Alle Türen offen. Alle sahen meinen Presseausweis und nickten.

Dann der Presseschluss: Die Bilder mussten noch am gleichen Abend nach New York. Sofort. Das Problem: 3G war damals langsam, die Verbindung instabil. Ich sortierte die Bilder vor Ort aus, begann den Upload – und setzte mich ins Taxi.

Notebook offen auf den Knien. Modem in der Hand. Bilder werden während der Fahrt durch Zürich nach New York gesendet.

Ich habe es geschafft.

Tag zwei war ruhiger – aber auch dort weitere spannende Begegnungen, weitere Bilder, weitere Momente die ich nie vergessen werde.

Wenn ich heute an diesen Taximoment denke, muss ich schmunzeln. Vom Keller in Dübendorf zum Taxi nach Zürich mit Bildern für die Vogue – in knapp drei Jahren.


Jelmoli Katalog: Miss Schweiz und der Anruf bei der Post

Eine Anfrage kam aus Deutschland. Jelmoli – das Schweizer Traditionshaus – suchte einen Fotografen für seinen Katalog. Ich offerierte. Ich bekam die Zusage.

Eine Woche lang im Fotostudio Dübendorf: Cover-Shooting und diverse Innenseiten mit Miss Schweiz Laetitia Guarino. Alles nach Storyboard, komplett eingetaktet. Grosses Team: Stylistin, Visagistin, Make-up Artist, Leute von der Agentur – und auch die Presse war da, sogar das Fernsehen.

Wir waren ein Team von ungefähr zehn Personen. Alles gebucht, alles vorbereitet. Bis auf eines: Die Kleider.

Jelmoli hatte die Mode und den Schmuck aus Deutschland ausgeschickt. Irgendwo blieben sie beim Zoll hängen. Das ganze Team wartete im Studio. Zehn Personen, Miss Schweiz, eine Woche geblockt – keine Kleider.

Ich griff zum Telefon und rief die Post an. Erklärte die Situation ruhig und klar: Miss Schweiz ist eine Woche bei uns im Studio gebucht. Wir brauchen dieses Paket, heute, mit dem Preis.

Die Post machte es möglich.

Die Kleider kamen. Die Woche begann. Es war anstrengend, intensiv, wunderschön. Das Cover-Shooting mit der neuen Miss Schweiz – in meinem eigenen Studio. Eine der besten Wochen meiner Karriere.


2016: Das eigene Studio – ein Traum wird Wirklichkeit

Fotostudio ZürichEin Jahr nach dem Jelmoli Katalog kam der nächste grosse Meilenstein: der Umzug nach Wallisellen.

Aber ich zog nicht einfach in ein neues Mietstudio. Ich baute meins.

Zusammen mit einem Architekten – die Ideen kamen alle von mir – entwarf ich den kompletten Innenausbau meines perfekten Fotostudios. Kein Kompromiss. 7,5 Meter breite Hohlkehle. Verschiedene Hintergründe. Schlicht, hell, weiträumig. Ein Boden der aussieht wie neu. Ein Raum der atmet.

So entstand das Freshpixel Fotostudio in Wallisellen, im modernen Richti Quartier – direkt neben dem Glattzentrum.

Das war 2016. Zehn Jahre später sieht es immer noch fast neu aus. Weil ich sehr viel Sorge trage dafür.

Der Kreis schloss sich: 2006 – erster gemieteter Studioraum, die Zusage kam am Strand. 2016 – eigenes Studio, selbst designed, nach eigenen Vorstellungen gebaut.

Dazwischen: zehn Jahre, tausende Shootings, Hongkong, Jelmoli, Elite Model Look, Monica Cruz, Julia Saner. Und viel, viel Lehrgeld.


Was 20 Jahre und 9500 Shootings einen lehren

Ich bin kein Mensch der gerne grosse Weisheiten verkündet. Aber nach 20 Jahren gibt es Dinge die ich weiss – und die ich dem Manuel von 2006 gerne gesagt hätte.

Reflektiere dich regelmässig. Frage dich: Mache ich das richtig? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Das ist kein Zeichen von Schwäche – das ist der wichtigste Prozess überhaupt. Sich selbst analysieren, hinterfragen, und dann mutig nach vorne ausrichten.

Kunden verstehen braucht Zeit. Mit den Jahren lerne ich Menschen immer schneller einzuschätzen. Ich sehe heute sofort ob ein Auftrag zu mir passt oder nicht. Ein komplexes Shooting das mich früher nervös machte, ist heute kalkulierbar. Das ist Erfahrung – und die kann man nicht kaufen.

Bleib aktuell. Die Zeit läuft schneller als man denkt. Als Fotograf darf man technisch nicht schlafen – Web, Marketing, KI, Online-Booking. Ich habe bereits seit fast zwanzig Jahren ein Online-Buchungssystem – das war damals fast einzigartig und ist heute selbstverständlich. Man muss mit dem Zeitgeist gehen. Immer.

Mach was du gerne machst. Das ist der wichtigste Rat den ich mir selbst geben würde: Verzettle dich nicht in Bereiche wo du eigentlich gar nicht arbeiten möchtest, nur weil du Geld verdienen musst. Konzentriere dich auf das was du liebst und gut machst. Baue das aus. Hab Spass dabei.

Die One-Man-Show ist nicht skalierbar – und das ist okay. Die meisten Fotografen sind selbstständig und arbeiten alleine. Das Business wächst kaum ins Unendliche. Das bedeutet: gute Kalkulation, klare Fixkosten, realistische Erwartungen. Man wird nicht reich. Aber man wird reich an Erfahrung.

Wenn ich heute zurückblicke, bin ich vor allem eines: dankbar.

Dankbar dass ich immer noch top motiviert bin. Dass ich immer noch Freude an der Fotografie habe. Dass diese Freude sogar gewachsen ist mit der Zeit – mehr als am Anfang. Meine Arbeit ist meine Selbstverwirklichung als Künstler. Jedes Foto das ich gemacht habe ist gespeichert – irgendwo, irgendwie. Ein persönliches Geschichtsbuch aus 9500 Kapiteln.

2026 bin ich immer noch dabei. Immer noch mit vollem Herz.

Bis bald im Studio – Manuel Fischer

Manuel Fischer ist Portraitfotograf und Inhaber des Freshpixel Fotostudios in Wallisellen beim Glattzentrum Zürich. Seit 2006 hat er über 9500 Menschen fotografiert – von CV-Fotos und Business Portraits bis zu internationalen Kampagnen mit Monica Cruz, Julia Saner und dem Jelmoli Katalog.

Jetzt Shooting buchen

#20 Jahre Fotograf#Authentische Fotografie#Bewerbungsfoto Zürich#Business Portrait#Fotograf#Fotograf werden#Manuel Fischer Fotograf · Freshpixel#Personal Branding#Portraitfotograf Zürich
📷 Foto-Tipps & Aktionen

Ab und zu Inspiration, Specials und neue Shootings — kein Spam, jederzeit abbestellbar.

Weitere Beiträge